Ein klassischer Strohmann: “Speiseeis ist kein Imitateis”

Gestern hörte ich zufällig auf NDR-Info ein Interview mit dem Geschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Süßwarenindustrie e.V. Ernst Kammerinke zum Thema Imitateis. Herr Kammerinke beschwert sich in diesem Interview (hier in der Mediathek von NDR-Info), dass es sich bei dem Gerede über Imitateis um eine “gezielte Verdummung der Verbraucher” handelt. Sehr interessant, denn ich habe mich auch gerade verdummen lassen. In der letzten Woche habe ich mich nämlich auch gerade näher mit einem Speiseeis beschäftigt, dass wir früher gelegentlich gekauft haben und das jetzt im Verdacht steht ein Imitateis zu sein. Aber zunächst weiter zu den Aussagen von Herrn Kammerinke:

Er erklärt, dass es Imitateis überhaupt nicht gibt. Es gibt genau drei Arten von Speiseeis, nämlich Eiscreme, Milcheis (welche als Hauptbestandteil Milch, Milchfett oder Milchprodukte enthalten müssen) und “normales” Speiseeis. Normales Speiseeis dürfe nun mal auch andere Zutaten (u.a. Pflanzenfett) enthalten und überhaupt sei normales Speiseeis bei den Bundesbürgern super beliebt.

Aha, diese Aussagen klingen doch eigentlich ziemlich plausibel. Aber halt mal, irgendwas stimmt da doch nicht. Herr Kammerinke hat hier doch wohl nicht etwa ein klassisches Strohmann-Argument gebracht? Ein Strohmann-Argument ist eine beliebte rhetorische Technik. Mit blumigen Worten widerlegt man ein Argument seines Gegners, dass der gar nicht vorgetragen hat.

Wenn ich die Diskussion nicht völlig missverstanden habe, dann ging es nicht darum, dass die Süßwarenindustrie auch Speiseeis herstellt, dass keine Eiscreme oder kein Milcheis ist. Immerhin bin ich da Experte, denn ich esse ganz gerne mal ein Frucht-Wassereis. Nein, es ging darum, dass bei einem Vanilleeis-Test der Stiftung Warentest von 22 Produkten 9 mit dem Testurteil mangelhaft ausgezeichnet wurden. Der Grund war, dass die Hersteller der beanstandeten Produkte anstatt des vorgeschriebenen natürlichem Vanillearomas synthetisches Vanillearoma verwendet oder (in einem Fall) in anderer Weise bei der Vanille gemogelt hatten. Der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie meint dazu, dass seien “wenige Einzelfälle gewesen“. Ich meine dazu, 9 von 22 sind gut 40 Prozent und das sind keineswegs Einzelfälle, das ist eine Riesensauerei!

Bei den zum Teil vorhandenen schwarzen Vanillepünktchen im Eis handelte es sich übrigens fast immer um gemahlene Vanilleschoten, aus denen allerdings vorher das gesamte Vanillearoma extrahiert wurde. Nur ein einziges Produkt erhielt bei dem Test die Note “gut” nämlich der fünf Liter Vanilla Pott von Häagen Dazs. Die Einzelheiten dazu findet man auf den Seiten der Stiftung Warentest hier und hier.

Mucci

Mucci Premium Eis Vanille

So, und dann wollte ich ja noch etwas zu einem Eis schreiben, das wir selbst in den letzten Jahren öfters mal gekauft haben – Mucci Premium Eis Vanille von Aldi Nord. Es hat bei dem Test der Stiftung Warentest ebenfalls mit “mangelhaft” abgeschnitten. Das Ergebnis  ist niederschmetternd: “Kein Vanilleeis, da mit synthetischem Vanillin verfälscht. Überwiegend mit Kokosfett. Preiswert

Zufällig haben wir einige der Mucci-Verpackungen aufbewahrt, weil wir sie im Gartenhaus und im Pferdestall zur Lagerung von allerlei Kleinkram verwenden. Zunächst einmal war ich überrascht, dass das Mucci Eis nicht von einem einzigen Hersteller kommt, sondern dass sich auf den ansonsten bis auf das Verfallsdatum und wenige andere Kleinigkeiten identischen Verpackungen vier völlig unterschiedliche Herstellerangaben befanden. Ebenso überraschend fand ich die Tatsache, dass auch die Inhaltsstoffe von Hersteller zu Hersteller variieren. Da die Inhaltsangaben aber ja laut Stiftung Warentest sowieso nicht den Tatsachen entsprechen, verzichte ich hier mal darauf sie im Einzelnen zu zitieren.

Werden wir in Zukunft bei Aldi anhalten um dieses Mucci-Zeugs zu kaufen? Nö, das werden wir wohl nicht tun. Wenn die es nötig haben bei so simplen Sachen wie Vanille zu lügen, dann möchte ich gar nicht wissen, was da sonst noch alles im Argen liegt. Irgendwie begreife ich einfach nicht, was sich diese Firmen denken. Die können doch nicht ernsthaft geglaubt haben, dass niemand merkt, wenn sie einfach mal synthetisches Vanillin in ihr Eis panschen. Und dass so etwas im Web 2.0 Zeitalter einen riesen Buhei verursacht, war doch auch vorher klar. Wieso machen die sowas? Dummheit? Geldgier? Ich verstehe das einfach nicht.

Weblinks:

3 Kommentare zu Ein klassischer Strohmann: “Speiseeis ist kein Imitateis”

  • Sisah

    Du hattest ja neulich über die Depressionsrezepte ‘Claras Great Depression Cooking”’ vorgestellt ( Mein Gro0mamma hieß auch Klara…), vielleicht sollte ich dir mal meine sparsame 84 jährige Mama zum Interview zur Verfügung stellen, die etliche schmackhaft und von künstlichen Derivaten freie Gerichte auftischte und so wohl für immer meinen Geschmack prägte. Eis aus der Supermarkt- Tiefkühltruhe gab es bei uns nie, sondern immer mit Sahne und Joghurt plus Früchten selbst gemachtes Eis…ohne Eismaschine! Aber was dem heutigen Menschen halt fehlt ist die Zeit auch solche eigentlich einfachen Rezepte selbst umzusetzen, da greift man halt zur Fertignahrung. Meine Mamma gehörte noch zur Berufsgruppe Hausfrau und Mutter und widmete sich diesem “Geschäft” voller Hingabe!

  • Hallo Sisah,

    dann hast Du nicht zufällig ein bewährtes Rezept für Eis ohne Eismaschine und ohne rohe Eier? Das würde ich nämlich gerne mal ausprobieren. Bald haben wir Urlaub, und ich dann immer schön Zeit zum experimentieren ;-)

    lg Mailin

  • Jolie

    Die Inhaltsstoffe variieren ja von Hersteller zu Hersteller! Mir schmeckte das Eis immer gut, dass heißt, ich hab einen guten Hersteller erwischt?! :D

Hinterlassen Sie eine Antwort

 

 

 

Sie können diese HTML Tags verwenden

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

eMail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
Auch möglich: Abo ohne Kommentar.

Beachte bitte, dass wir Links in Kommentaren nicht in jedem Fall veröffentlichen können. Näheres dazu findest Du in unseren Regularien.