Wieso bin ich eigentlich gegen Gentechnik?

Der niedersächsische Umweltminister Hans-Heinrich Sander schlägt vor, Verunreinigungen mit gentechnisch veränderten Organismen nicht mehr nur in Futtermitteln sondern nun auch in Saatgut zuzulassen. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Der Mann will Samen von Pflanzen, die bei uns gar nicht zugelassen sind, in kommerziell vertriebenem Saatgut tolerieren. Meine spontane Vermutung ging dann auch in Richtung Konsum genveränderter bewusstseinserweiternder Substanzen.

Naja gut, obwohl uns immer wieder hoch und heilig versichert wurde (und wird), dass genetisch verändernde Pflanzen gar nicht in die Umwelt entfleuchen können, hat Niedersachsen damit natürlich tatsächlich seine Probleme. Und so ganz sicher scheinen sich die Gentechniker selbst auch nicht zu sein, sonst hätten sie wohl nicht (vergeblich) versucht das Gentechnikgesetz vom Verfassungsgericht kippen zu lassen.

Was mich in diesem Zusammenhang interessierte: Die gehen alle so völlig unbefangen mit der Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen um. Wieso bin ich eigentlich dagegen?

Um es mal klar und deutlich zu sagen, Gentechniker haben nicht den geringsten Schimmer, wie Genetik im Einzelnen funktioniert. Nicht den Geringsten! Kohl (Brassica oleracea) hat zum Beispiel etwa 100.000 Gene. Trotzdem schafft es die Natur, damit einen Organismus entstehen zu lassen, der selbständig Lichtenergie in chemische Energie umwandeln kann, der sich selbstständig an die unterschiedlichsten Umweltbedingungen anpassen kann, der selbstständig mit aggressiven Krankheitserregern fertig wird, und der sich zu allem Überfluss auch noch selbst reproduzieren kann. Irre! Kein Mensch weiß, wie das genau funktioniert.

Das menschliche Genom enthält übrigens längst nicht so viele Gene wie das Kohl-Genom. Es enthält gerade mal ein Viertel davon, nämlich 20.000 bis 25.000 Gene. Auch wenn sie es immer wieder behaupten – kein Genetiker versteht, wie es möglich ist, mit so wenig Information einen derart komplexen Organismus wie einen Menschen entstehen zu lassen.

So ein menschlicher DNA-Strang ist knapp zwei Meter lang und er enthält etwa 3,27×109 Nukleinbasen. Da jede Base einen Informationsgehalt von 2 Bit darstellt (4 Basen, 22 Zustände), kann man in 3,27×109 Basen einen Informationsgehalt von exaktgenau 817,5 MB unterbringen. Auf meine neue Festplatte passt also problemlos die vollständige genetische Information aller Einwohner meines Heimatortes.

Offensichtlich funktionieren Kohlpflanzen und Menschen aber trotzdem ziemlich gut. Das liegt daran, dass die Natur es sich leisten kann jahrtausendelang herum zu experimentieren bis die Zusammenstellung der Gene ganz genau passt. Die einzelnen Gene in einem funktionierenden Organismus (bzw. die damit gebildeten Proteine) sind nicht dafür da, irgendeine spezielle Aufgabe zu erledigen, sondern sie erledigen im Zusammenspiel mit allen anderen Genen (Proteinen) des Organismus jeweils eine Vielzahl von Aufgaben. Niemand weiß, wie sich so ein künstlich verändertes Gen unter allen wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen Bedingungen auf das Gesamtsystem auswirken wird.

Und natürlich ist auch völlig unklar, wie sich frei gesetzte Organismen auf das Ökosystem auswirken. In den USA gibt es zum Beispiel kaum noch Mais mit rein natürlichem Genom. Dort ist es inzwischen weitgehend unmöglich gentechnikfreien Mais für die Lebensmittelproduktion anzubauen. Man mag gar nicht daran denken, was los ist, wenn sich künstlich veränderte Gene erst mal auch in alle möglichen anderen Kultur- und Wildpflanzen eingekreuzt haben.

Solange mir die Gentechniker nicht klipp und klar sagen können, welche kurzfristigen und langfristigen Konsequenzen eine Veränderung des genetischen Codes ihrer Organismen auf mich oder meine Umwelt hat, bin ich strikt dagegen, dass sie diese Organismen in die Natur entlassen. Schon gar nicht, wenn die Freisetzung mit dem materiellen Interesse von einzelnen Firmen oder Personen begründet wird.

Siehe auch:

4 Kommentare zu Wieso bin ich eigentlich gegen Gentechnik?

  • Peter

    Auch sehr empfehlenswert zum Thema ist die Doku “Mit Gift und Genen”. Kam mal bei Arte, gibts aber auch unter http://video.google.com/videoplay?docid=-7781121501979693623#
    Schon ganz schön beängstigend, was bereits jetzt an irreversibelen Schäden entstanden ist. Und der absolute Oberknaller ist naürlich das Verbot in den USA, gentechnikfreie Lebensmittel zu kennzeichnen.

  • Ehler

    Nicht nur,das der Mensch immer wieder versucht sich in den Zyklen der Evolotion einzumischen, zu lenken und somit auch zu manipulieren,weiß ich nicht,welche Dose der Pandora wir da gerade öffnen.Bin ich unter umständen gezwungen,von dem Konzern auch die Spritzmittel zu benutzen,weil dieses von einer anderen Fa.nicht wirkt. Spinnen wir diesen FADEn wEITER.Wenn die Gen Manipulation beim Mastvieh weiter vorangetrieben wird,bin ich dann gezwungen Medikamente und Gott behüte auch Futtermittel von einer bestimmten Fa.zu kaufen?Es gibt Interessengemeinschaften die ernsthaft versuchen Elementare Grundstoffe zu patentieren,ohne diese Lebewesen nicht existieren können.Z.b.Pflanzen,und sogar Wasser.Ich weis,das klingt völlig abwegig,aber was solls,wir öffnen ja nur diese seltsame Dose.

  • Mir fällt nur “irre, verrückt, durchgeknallt” ein.
    Wie wird so einer Umweltminister?
    LG, Margit

    • Jo, unser Hans-Heinrich ist schon eine besondere Marke. Ich empfehle zum Beispiel die Lektüre des Teils Politische_Ausrichtung in seiner Wikipedia-Seite. Da sind ein paar Aktionen dokumentiert, die für einen Umweltminister eher – wie soll ich sagen – ungewöhnlich anmuten. Ich zitire nur mal eine:
      Im November 2006 sägte er eigenhändig Bäume in der Kernzone des Biosphärenreservats „Niedersächsische Elbtalaue“ ab …

      Naja, so sind wir eben, wir Niedersachsen – “Nich lang schnacken, Kopp in Nacken!” ;-)

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