Kalkstickstoff

Angeregt durch die Diskussion mit Sisah im vorherigen Artikel habe ich eben noch mal mein Wissen über Kalkstickstoff etwas aufgemöbelt. Es bleibt dabei, ich mag das Zeugs nicht. Und für die Anwendung in Hausgärten durch Laien halte ich es wegen der schwierigen Handhabung für völlig ungeeignet. Hier erst mal ein paar Fakten:

Kalkstickstoff ist der Handelsname für einen mineralisches Stickstoff- und Kalkdüngemittel, das vorwiegend aus Calciumcyanamid besteht. Calciumcyanamid kann nicht direkt von der Pflanze aufgenommen werden, sondern es wird im Boden zunächst über Cyanamid und Harnstoff zu pflanzenverfügbaren Ammonium- und Nitrat-Ionen umgewandelt. Auf einem Nebenweg des Abbaus entsteht zusätzlich Dicyandiamid. Da diese Umwandlungsprozesse eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen, gilt Kalkstickstoff als ein langsam wirkender Stickstoffdünger.

Neben der reinen Düngewirkung entfaltet Kalkstickstoff während der Umwandlung im Boden für ca. ein bis zwei Wochen zusätzliche Wirkungen. Das zwischenzeitlich gebildete giftige Cyanamid hemmt oder tötet auflaufende Kräuter (herbizide Nebenwirkung), es hemmt oder tötet Pilze und Pilzsporen (fungizide Nebenwirkung) und es hemmt bzw. tötet verschiedene tierische Schädlinge wie Schnecken, Drahtwürmer und verschiedene Weideparasiten.

Das auf einem Nebenweg entstehende Dicyandiamid verzögert die Umsetzung von Ammonium zu Nitrat, indem es die Aktivität der Nitrosomonas-Bakterien hemmt. Diese Eigenschaft verstärkt die langsame Düngewirkung des Kalkstickstoff noch weiter.

Im Vergleich zu anderen mineralischen Stickstoffdüngern ist die Anwendung von Kalkstickstoff nicht ganz unproblematisch. Laut der Sicherheitshinweise auf Kalkstickstoff.de (einer Seite der AlzChem Trostberg GmbH) gelten für Kalkstickstoff folgende Risiko- und Sicherheitssätze: R22, R37/38, R41, S22, S26, S36/37/39, S2.

Im Einzelnen bedeutet das:

  • S2: Darf nicht in die Hände von Kindern gelangen.
  • R22: Gesundheitsschädlich beim Verschlucken.
  • R37: Reizt die Atmungsorgane.
  • R38: Reizt die Haut.
  • R39: Ernste Gefahr irreversiblen Schadens.
  • R41: Gefahr ernster Augenschäden.
  • S22: Staub nicht einatmen.
  • S26: Bei Berührung mit den Augen gründlich mit Wasser abspülen und Arzt konsultieren.
  • S36: Bei der Arbeit geeignete Schutzkleidung tragen.
  • S37: Geeignete Schutzhandschuhe tragen.
  • S39: Schutzbrille/Gesichtsschutz tragen.

Im Übrigen muss während und nach der Anwendung unbedingt auf den Genuss von Lebensmitteln, Zigaretten und ganz besonders von Alkohol verzichtet werden! Alkohol verstärkt die giftige Wirkung des Calciumcyanamids um ein vielfaches!

Wie oben schon gesagt ist das meiner Ansicht nach absolut nix für Hobbyisten. Allerdings zeigt eine Suchanfrage bei den größeren Gartenforen (planten.de, garten-pur.de), dass viele das ganz und gar anders sehen.

Siehe auch:

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Weblinks:

11 Kommentare zu Kalkstickstoff

  • Herr Schmidt

    Hallo
    Danke für deinen mutiges auseinandersetzen und entschlossenen hinterfragen.
    Die Gebrauchsanleitungen lesen sich immer so schön einfach, wie zb. “herbizide Nebenwirkung” oder “R39″ >>>was dann aber bedeutet, wenn man wieder voranders nachschaut>>> “Ernste Gefahr irreversiblen Schadens”, was auch immer irreversibl dann bedeutet.

  • Im Extremfall heißt irreversibel wohl, dass Du nicht mehr aufwachst. Insbesondere früher als Kalkstickstoff noch vorwiegend gemahlen und nicht in Perlen verkauft wurde, passierte das durchaus gelegentlich (z.B. gerne wenn der Anwender die erfolgreiche Ausbringung abends in der Kneipe gefeiert hat).

    Ich will ja nun auch nicht den Kalkstickstoff-Teufel an die Wand malen und bei den Insektiziden gibt es noch weit weit schlimmere Mittelchen. Aber ich bin einfach nicht dafür, dass sowas frei in Schnäppchenmärkten (sic!) oder bei Amazon angeboten wird.

  • Sisah

    Eigentlich das ideale Mittel für meinen Garten, Heiner ;-), Du bringst mich auf Gedanken! Wenn ich da über die fungizide Wirkung lese….
    Ich habe so ein Mittel noch nie im Garten verwendet, weil ich eher der vorsichtige Typ bin und mich auf natürlich ‘gewachsene’ Düngemittel wie Kompost und Hornspäne verlassen habe und außerdem durch eine Bodenuntersuchung weiß, dass mein Gartenboden genügend Kalk enthält.
    Über die biochemische Wirkung dieses Stoffes im Boden und gegebenenfalls im menschlichen Körper hast Du ja jetzt aufgeklärt, unklar bleibt für mich allerdings der Grund wieso viele Hobbygärtner es nicht missen wollen. Aber da muss ich dann wohl in den von Dir genannten Foren nachlesen.
    LG
    Sisah

  • … sehr verlockend ist auch die molluskizide Negenwirkung ;-)

    Ich habe das Gefühl, über Kalkstickstoff wird so gerne diskutiert, weil er angeblich super gegen alles Mögliche helfen soll, aber trotzdem nicht als chemisches Pflanzenschutzmittel wahrgenommen wird.

    Wenn man ihn so einsetzen will, muss man sehr genau wissen, was man macht. Leider konnte ich einen Diskussions-Fred aus dem letzten Frühjahr nicht wieder finden, in dem jemand fragte, warum bei ihm absolut überhaupt nix auflaufen will. Im Laufe der Diskussion kam dann jemand auf die Idee, dass der selbe Benutzer kurz vorher nach Kalkstickstoff gefragt hatte…

  • Es ist schon gruselig, was manche Leute im Garten ausbringen… Die alte Dame, die vor uns im Haus wohnte, hatte da auch allerlei Giftzeug. Beim Ausräumen des Kellers kamen immer “interessante” Tüten zum Vorschein und als wir letztens im Dachboden sauber gemacht haben, fanden wir eine (schon leere) Tüte mit der Aufschrift “Kalksalpeter” und eine große Dose, bei der der Rost zwar schon die Aufschrift abgefressen hatte, aber den großen Totenkopf hatte er zur Warnung noch dagelassen…
    Da nehme ich doch lieber frischen Kompost und freue mich über die riesige Kompostierungsanlage bei uns um die Ecke (ich sage nur 100 l Kompost für einen Euro). :)

  • Uli

    Ich finde Kalkstickstoff super!!!

    Mit seiner Anwendung ist es möglich, innerhalb von 4(!) Monaten einen perfekten Kompost zu bekommen. Die Anwendung ist dank dem geperltem Kalkstickstoff absolut sicher- es sei denn, man schluckt ihn zwischendurch mal runter ;-). Es ist eines der wenigen Düngemittel, das mehrere Zusatzwirkungen hat, die gerade beim Hobbygärtner gefragt sind(Schnecken, Unkraut, Bodenkrankheiten) ohne wirklich gefährliche und auch nützlingsschädliche Fungi- Herbi- oder Molluskizide anwenden zu müssen und ohne wirklich gefährliche Risiken bei der Anwendung zu haben. Kalkstickstoff ist seit mehr als 100 Jahren im Einsatz- ich liebe ihn und hab ständig eine großen Sack im Garten!
    Übrigens: Kalksalpeter ist ein ganz normales Düngemittel im Erwerbsgartenbau…

  • Wie schon gesagt, über den Nutzen von Kalkstickstoff im Garten kann man durchaus geteilter Meinung sein.

    Kurz zur Klarstellung: Uli bezieht sich mit seinem abschließenden Hinweis zu Kalksalpeter sicherlich auf den vorherigen Kommentar von Luise. Mit Kalkstickstoff hat Kalksalpeter sonst eher wenig zu tun. Die beiden sollten also keinesfalls verwechselt werden.

  • Laufs, Wilfried

    Liebe Gartenfreunde,
    in meinem Garten befindet sich der Boden in einem PH-Wert von ca.5,5 Zustand, also sauer. Mir wurde zur Abhilfe Kalkstickstoff empfohlen.
    Nachdem ich einige Kommentare in diesem Forum gelesen habe, bin ich nicht sicher ob das die richtige Empfehlung war.
    Welches Mittel würdet Ihr mir raten um einen neutralen Wert zu erreichen?
    MfG
    W. Laufs

    • Nein, Kalkstickstoff ist wirklich nicht geeignet, wenn man nur den pH-Wert anheben möchte. (Einmal ganz davon abgesehen davon, dass er dafür viel zu teuer ist.)

      Zum optimalen pH-Wert und den Möglichkeiten ihn zu verbessern hatte ich hier vor einiger Zeit mal einen längeren Artikel geschrieben: Kalken im Garten

  • tom

    Wenn der Gartenboden ein etwas leichterer Boden ist, oder die Erde besitzt viel organische Substanz, kann ein pH-Wert von 5,5 noch erträglich sein. Sinnvoll ist aber eine Kompostgabe, da auch diese den pH-Wert erhöht. Wird ein etwas intensiverer Gemüsebau geführt, z.B. mit mehreren Sätzen pro Jahr wird eine Nachdüngung mit Stickstoff erforderlich sein und da spricht nichts gegen Kalkstickstoff. Es muss nur die etwa zweiwöchige Cyanidphase eingehalten werden. Danach gibt der Dünger seine Nährstoffe relativ gleichmäßig frei. Außerdem: Bodenhygiene ohne Schneckenkorn und Roundup ist ja auch nicht schlecht.

    • Naja, dass nix gegen Kalkstickstoff spricht sehe ich etwas anders. Dazu hatte ich oben im Artikel ja ausführlich Stellung genommen ;-) Was den pH-Wert und Kompost angeht stimme ich voll zu.

      Sicherheitshalber nenne ich noch mal zwei Argumente gegen Kalkstickstoff:
      -> Wer “biologisch” gärtnert verwendet sowieso keinen mineralischen Stickstoff.
      -> Die Anwendung von Kalkstickstoff ist aufwändig und potentiell gesundheitsgefährdend.

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