Der Sonnentau und das ostfriesische Moor

Die letzte Woche habe ich auf einer Fortbildung im ostfriesischen Moor verbracht. Es ist natürlich völlig unmöglich, meine dort gesammelten Eindrücke in ein paar Sätzen zusammen zu fassen, aber einige interessante Dinge möchte ich hier trotzdem wiedergeben.

Sonnentau

Moore unterscheidet man in erster Linie in Hochmoore und Niedermoore. Das Hochmoor (Regenmoor) hat keinen Kontakt zum mineralischen Untergrund. Es ist deshalb sehr nährstoffarm und hat einen niedrigen ph-Wert. Im Gegensatz zum Niedermoor bezieht es seine Nährstoffe ausschließlich aus dem Regenwasser und dem Eintrag aus der Luft. Durch den extremen Mangel an Nährstoffen (insbesondere Stickstoff) haben einige pflanzliche Bewohner sogar die Fähigkeit erworben, kleine Insekten zu fangen und deren Nährstoffe aufzunehmen.

Das Niedermoor (Reichmoor) bildet sich in Senken und in Flussniederungen. Es ist meist sehr nährstoffreich, weil es durch die zeitweilige Überstauung mit Fremdwasser zusätzlich Nährstoffe aus dem umliegenden Mineralboden anreichern kann. Dadurch bietet das Niedermoor einen sehr viel reicheren Lebensraum als das Hochmoor.

Rauschbeere

Rauschbeere

Das Moor um Aurich ist ebenso wie das Teufelsmoor in unserer Gegend ein Hochmoor. Es entstand nach der letzten Eiszeit in einem Zeitraum von etwa 10.000 Jahren. Das Hochmoor wächst nur etwa einen Millimeter im Jahr. Es entsteht aus nicht vollständig zersetzten Pflanzenresten. Die wichtigste Rolle spielt dabei das Torfmoos (Sphagnum). Interessanterweise benötigt das Torfmoos keine Wurzeln, weil es die notwendigen Nährstoffe direkt aus dem Moor- und Regenwasser aufnehmen kann. Es stirbt an der Unterschicht ab, während es oben weiter wächst und sich dabei weiter verzweigt. Die Isolierschicht zum mineralischen Untergrund wird dadurch immer dicker und das Torfmoos schafft sich langsam seinen eigenen Lebensraum.

Die Pflanzenwelt im Hochmoor ist recht beeindruckend, da sie sich alle mit wenig Nährstoffen und viel Feuchtigkeit zurecht finden müssen. Da wären zum Beispiel der Fieberklee, der Gagelstrauch, Glockenheide, Rosmarienheide, Wollgras, Lungenenzian oder die Rauschbeere. Die Rauschbeere soll bei reichhaltigem Genuß rausch- und schwindelartige Zustände hervorrufen. Sie schmeckt angeblich süß-säuerlich und soll nicht giftig sein. Leider konnte sich aber keiner unserer Kursteilnehmer freiwillig dazu durchringen, die Beeren zu kosten.

Ewiges Meer

Ewiges Meer

Besonders fasziniert hat mich außer der Rauschbeere der Sonnentau. Er zieht Insekten an, die an seinen feinen Tentakeln festkleben. Aus den Insekten zieht sich der Sonnentau seine Nährstoffe. Lebewesen wie Muscheln oder Schnecken finden aufgrund ihres hohen Kalkbedarfs zum Gehäuse- oder Schalenaufbau im Moor keinen Lebensraum.

Empfehlenswert ist auch ein Spaziergang am Ewigen Meer, dem größten Hochmoorsee Deutschlands. Das Wasser im Ewigen Meer hat einen so niedrigen ph-Wert, dass es dort keine Fische gibt. Nur eine sehr geringe Zahl von hochspezialisierten Lebewesen (Schwimmkäfer, Wasserflöhe, Einzeller) können in diesem sauren Milieu überleben.

Das Ewige Meer und seine Umgebung sind schon seit 1939 geschützt. Ab den 1980er Jahren wurde ein umfangreiches Gesamtkonzept für das Naturschutzgebiet entwickelt. Inzwischen ist es für Besucher größtenteils unzugänglich. Nur von einer Seite her führt ein mit Bohlen befestigter Rundweg bis in die Nähe des Ufers.

Plaggenhütte

Plaggenhütte der Moorkolonisten

Die ersten Siedler im Moor gab es nach dem sogenannten Urbarmachungsedikt im Jahr 1765 durch den Alten Fritz. Es entstanden im Laufe der folgenden 60 Jahre mehr als 80 Moorkolonien. Die Menschen dort versuchten, Buchweizen anzubauen. Dazu wurde das Moor angezündet und die Buchweizensamen wurden in die heiße Asche gesät. Allerdings war der Boden meist nach 4-5 Jahren ausgelaugt und bot keine Nahrungsquelle mehr. Der Handel mit Torf war auch nicht möglich, da es weder befahrbare Straßen noch Kanäle gab. Die Menschen versuchten, aus Heidekraut Besen zu binden und zu verkaufen. Sie lebten jedoch in bitterster Armut. Im Gegenzug dazu waren die Feenkolonien den Moorkolonien ein weites Stück voraus. Die ersten Feenkolonien (holländisch: Veen=Moor) gab es seit ca. 1600 in Holland und ab ca. 1690 in Deutschland. Die Menschen bauten zuerst Kanäle, um Handelswege zu schaffen. Sie brachten den Torf als Brennmaterial auf Schiffen in die Städte und brachten von dort Fäkalien und Schlick als Dünger mit zurück.

Torfabbau heute

Torfabbau heute

Seit den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts wird Torf für verschiedene Zwecke (zum Beispiel für den Einsatz im Gartenbau) industriell abgebaut. Zur Zeit beträgt der jährliche Abbau in Deutschland etwa 11 Millionen Kubikmeter. Davon landen fast 3 Millionen Kubikmeter in privaten Gärten.

Der Abbau von Torf erfordert zunächst eine Entwässerung des Moores, um die Flächen befahren und mit Maschinen bearbeiten zu können. Dadurch werden die betroffenen Gebiete großflächig zerstört. Auch wenn die Flächen nach dem Torfabbau wieder vernässt und renaturiert werden, ist aufgrund des sehr langsamen Wachstums des Moores nicht an eine Erholung der Flächen zu denken.

Der unter Naturschutz stehende Feld-Sandlaufkäfer

Da die Moorflächen zunehmend kleiner werden, sind sowohl die Flora als auch die Fauna gefährdet. Von den 177 Pflanzenarten, die im Naturschutzgebiet um das Ewige Meer heimisch sind, gelten etwa 100 als gefährdet. Auch viele der typischen Tiere des Hochmoores (Vögel, Eidechsen, Kreuzottern, Moorfrösche, Libellen, Schmetterlinge) stehen längst auf der Roten Liste. Der Kuckuck oder das Birkhuhn, die dort früher heimisch waren, sind heute schon nicht mehr zu finden.

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