Wundverschluss nach dem Obstbaumschnitt?

In den vergangenen Tagen trudelten über meinen Newsreader einige Artikel zum Obstbaumschnitt ein. Allesamt bezogen sie sich auf eine Pressemeldung der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen. Neben der Tatsache, dass jetzt einer der möglichen Termine für den Schnitt der Obstbäume ist, enthielten sie auch alle diese etwas ungenaue Formulierung aus der Pressemitteilung:

Größere Schnittstellen mit einem Umfang von einem alten Fünf-Mark-Stück oder größer brauchen dabei nicht mehr mit einem Wundverschlussmittel geschützt zu werden.

Daraus könnte man den Schluss ziehen, dass man Schnittstellen, die kleiner sind, als das alte Fünf-Mark-Stück mit Wundverschlussmittel behandeln soll. So ist das aber natürlich nicht gemeint. In der Pressemeldung von 2006 rät die Landwirtschaftskammer zwar noch dazu, die größeren Wunden mit Wundverschlussmitteln zu verschließen, die Formulierung ist aber etwas klarer:

Schnittstellen, die größer als ein altes 5-Mark-Stück sind, mit einem scharfen Messer glatt schneiden und mit Wundverschlussmittel bestreichen.

OK, alles klar. Schnittstellen die eine Wunde hinterlassen, die kleiner ist als ein Fünf-Mark-Stück (laut Bundesbank 29 Millimeter Durchmesser) werden also nicht mit einem Wundverschlussmittel behandelt und Schnittstellen, die größer sind, werden seit Neustem auch nicht behandelt.

Ob es sinnvoll ist Schnittstellen zu behandeln, ist schon seit Langem höchst umstritten. Die Befürworter bringen vor, dass das Wundverschlussmittel das Austrocknen der Schnittstelle und das Eindringen von Krankheitserregern verhindern soll. Die Gegner argumentieren, dass sich Krankheitserreger in dem feuchten Milieu unter dem schützenden Verschluss besonders gut entwickeln können und dass es zudem kaum praxisnahe Versuche gibt, die eine positive Wirkung von Wundverschlussmitteln bestätigen.

In den vergangenen Jahren scheint sich zunehmend die zweite Ansicht durchzusetzen. Unstrittig ist dagegen, dass man beim Obstbaumschnitt äußerst vorsichtig sein soll. Das Werkzeug muss scharf und sauber sein. Beim Schnitt müssen Quetschungen und Fransen vermieden werden. Die Schnitte sollen rechtwinklig zum Ast gesetzt werden, damit die Wunde möglichst klein bleibt. Nach dem Schnitt müssen die Wundränder gegebenenfalls nachgeschnitten werden.

Ganz nebenbei bemerkt haben wir den Obstbaumschnitt noch nie im Winter durchgeführt und wir haben dabei auch noch nie Wundverschlussmittel eingesetzt. Grundsätzlich kann man den Schnitt entweder während der Vegetationsruhe (am Besten im Januar/Februar bei Temperaturen oberhalb von minus 5 Grad) oder im Sommer nach der Ernte durchführen. Im Sommer heilen die Wunden allerdings sehr viel schneller. Außerdem soll der Sommerschnitt auch die Fruchtgröße und -färbung positiv beeinflussen.

Weblinks:

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10 Kommentare zu Wundverschluss nach dem Obstbaumschnitt?

  • Ehler

    Moin Heiner! Ich schmiere schon seit Jahren schwaze Muttererde auf die sauber abgesägten Wundstellen.Habe anfangs zwar die Befürchtung gehabt,das Krankheitserreger ihr Unwesen treiben würden, aber es war nie andem.So sieht man die weissen Schnittstellen von Weitem auch nicht

    • Huch, davon habe ich noch nie etwas gehört. Ist das ein altes überliefertes Hausmittel? Auf den ersten Blick würde ich jedenfalls eher davon abraten. In Mutterboden sind ja so ziemlich alle zelluloseabbauenden Mikroorganismen vertreten, die man sich nur vorstellen kann. Aber wer weiß, man hat immerhin schon Pferde …

  • Hallo,

    während meiner ausbildung habe ich auch noch gelernt, daß der Obstbaumschnitt im Winter durchzuführen sei und die Schnittstellen mit sogenannter “künstlicher Rinde” zu verstreichen seien.
    Das ist zum Glück schon eine Weile her.
    Seitdem mir das (sehr lesenswerte) Buch “Baumschnitt” von Alex Shigo in die Finger geriet, mache ich größere Schnitte an Bäumen nur noch in der Wachstumsperiode zwischen Ende Mai und Mitte September, und verzichte komplett auf Wundverschlußmittel. Kleinere Auslichtungschnitte und Erziehungsschnitte an jungen Bäumen kann man m.E. auch an (/milden) Wintertagen durchführen.

    Grüße, KatjaK

  • Diese Wundverschlussmittel waren schon zu meiner Gärtner-Ausbildungszeit vor 20 Jahren umstritten. Mittlerweile kenne ich im Kollegenkreis niemanden mehr, der sowas noch benutzt. Ich bevorzuge eigentlich auch den Sommerschnitt, muss dann aber aus Zeitgründen doch meistens im Winter schneiden.
    Schöne Grüße von Martina

  • Nachdem ich mir den Artikel eben noch einmal durchgelesen habe, ist mir aufgefallen, dass ich einen Punkt vergessen habe:

    Wieso liegt in unserer Gartenkiste eigentlich eine Tube Lac Balsam herum, wenn wir beim Obstbaumschnitt gar kein Wundverschlussmittel einsetzen? Das liegt daran, dass der Wundverschluss beim Pfropfen/Okulieren (soweit ich weiß) immer noch “State of the Art” ist.

    Und wieso kenne ich das Baumschnitt-Buch von Alex Shigo nicht? Beim Stöbern zu diesem Artikel ist es mir der Name nämlich mehrmals in Forenbeiträgen aufgefallen. Eine kurze Recherche ergab, dass seine Bücher offenbar ausverkauft und nur zu Preisen um die 100 Euro gebraucht erhältlich sind. Hier trotzdem zwei Werbelinks:
    * Alex Shigo – Baum Schnitt. Leitfaden für richtige Baumpflege
    * Alex Shigo – Tree Pruning Basics

  • Beim Obstbaumschnitt gehen die Ansichten weit auseinander (wo schon nicht im Gartenbau). Jeder schneidet anders und jedes Jahren kommen neue Erkenntnisse hinzu.
    In der biodynamischen Landwirtschaft, werden im Winter nach dem Schnitt die Bäume mit dem Lehmpräparat gestrichen und gespritzt. Dies soll den Fluss der Säfte im Baum unterstützen und den Baum von aussen her schützen.
    Keiner Lehrmeister konnte mir erklären, wie der perfekte Schnitt geht. Für mich bleibt die Erkenntnis der Baumschnitt Erfahrungssache ist. Hauptsache das Grundlegende (Aufbau, Stellung und Winkel der Äste) wird beachtet und die weitgehenden Pflegemassnahmen wie das Anlegen von Kompostscheiben werden durchgeführt.

  • Hallöchen,

    also ich habe die “Schnittwunden” früher auch mit ensprechenden Präparaten behandelt – habe es so gelernt. Jedoch wende ich diese heute nicht mehra an und die von mir geschnittenen Obstbäume zeigen hierdurch bisher keine negativen Auswirkungen.

    Grüße Torsten

  • Gartenbastler

    ^Guten Tag, liebe “Bloggemeinde” -ich habe eine ca. 8 Jahre alte Süßkirsche, die sich prächtig entwickelt hat. Vor 1 1/2 Jahren hatte ich am Wurzelbereich einen riesigen Ameisenstaat. Ein Bekannter kam und sprühte (gegen meinen Willen – ja, jetzt bitte keine Belehrungen mehr) ein Insektizit auch gegen den Stamm. Nach und nach ist nun die Rinde aufgebrochen und eine ca. 20 cm lange und rund 5 cm breite Wunde sichtbar. Auch ist der Stamm an dieser Stelle dünner geworden. Nachdem ich mich von meinem Bekannten getrennt habe :-(( möchte ich auch den Baum retten. Was kann, soll, muss ich tun? DANKE tausendmal für gute (!!!) Empfehlungen – keine Rat(schläge!).

    • Also erstmal etwas zur Entlastung Deines Nachbarn: Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass man mit einem Insektizid so einen Riss in der Rinde auslösen kann – zumindest nicht wenn es einigermaßen sinnvoll dosiert war. Im Prinzip zielen Insektizide ja auf Stoffwechselvorgänge bei Insekten/Tieren, die es bei Pflanzen gar nicht gibt.

      Ich tippe da eigentlich eher auf Frostrisse. Früher mussten die unbedingt mit künstlicher Rinde oder Lehm verschlossen werden. Leider weiß ich nicht, wie das heute gemacht wird. Aber wenn Bäume mit solchen Wunden gar nicht behandelt werden, dann sehen sie nach einigen Jahren ziemlich schlimm aus.

  • Gartenbastler

    Herzlichsten Dank, Heiner, für die schnelle Antwort. Ja, kann ich mir auch gut vorstellen, dass nach den letzten beiden harten Wintern der Baum gelitten hat (zusätzlich zum Insektizit sozusagen). Ich schaue mal, wo ich künstliche Rinde herbekommen kann. Alles Liebe!

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