Lebermoosextrakt gegen Schnecken?

Angeblich soll Lebermoosextrakt Schnecken davon abhalten unseren Salat zu fressen. Das wäre ja fast zu schön um wahr zu sein. Bevor ich jetzt aber gleich 60 Euro (oder zum Teil noch erheblich mehr) für einen Liter Lebermoosextrakt investiere, habe ich lieber noch einmal etwas genauer recherchiert.

Im Internet und in einschlägigen Garten-Magazinen findet man buchstäblich hunderte Berichte über die tolle Wirksamkeit von Lebermoosextrakt gegen Schnecken. Leider finden sich darunter kaum Berichte über eigene Erfahrungen. Die anderen zitieren alle ein und dieselbe Untersuchung von Jan Peter Frahm und Klaus Kirchhoff aus dem botanischen Institut der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn nämlich “Antifeeding effects of bryophyte extracts from Neckera crispa and Porella obtusata against the slug Arion lusitanicus” aus dem Jahre 2002 (Cryptogamie, Bryologie, 23 (3): 271-275.). Wie bei öffentlich finanzierten wissenschaftlichen Arbeiten heute fast üblich, befindet sich der vollständige Text natürlich wieder hinter der Paywall privater Firmen. Zum Glück war die Vorschau bei einem Anbieter so ausführlich, dass ich in etwa berichten kann, worum es da ging:

Für den Versuch wurde aus zwei Moosarten – ein Laubmoos und ein Lebermoos – jeweils ein alkoholischer und ein wässriger Auszug hergestellt (Rezepte siehe unten). Damit wurden dann Eisbergsalat-Blätter eingesprüht und über Nacht zusammen mit fünf Spanischen Wegschnecken in einem Behälter eingesperrt.

Das Ergebnis war ziemlich eindeutig. Der Wasserauszug des Laubmooses brachte so gut wie keinen Erfolg, vom alkoholischen Auszug des Lebermooses brauchte man nur eine 0,25 prozentige Lösung, um die Schnecken davon abzuhalten den Salat auch nur anzusehen. Offenbar geht also von irgendwelchen Inhaltsstoffen der Lebermoose tatsächlich eine schnecken-abschreckende Wirkung aus. Das bei dem im Versuch verwendete Lebermoos Porella obtusata müsste ich erst mal suchen, aber das Brunnenlebermoos (Marchantia polymorpha) wächst hier in Massen.

Moos

Moos in einer dunklen Ecke im Garten

Alles klar, dann werde ich mir jetzt mal schnell ein hochwirksames Schneckenabwehrmittel mixen. Ach nein, ich wollte ja erst noch etwas weiter recherchieren.

In einem populärwissenschaftlichen Beitrag in der Zeitschrift Umwelt & Gesundheit (1/2008) berichtet Jan Peter Frahm (PDF) – einer der Autoren der Studie  – etwas ausführlicher über die Ergebnisse und die Probleme bei deren Umsetzung in die Praxis. Ich wiederhole mal nur stichwortartig:

  • für einen kommerziellen Einsatz bräuchte man erhebliche Mengen an Moosen, die natürlich nicht einfach aus der Natur entnommen werden dürfen.
  • der Moosextrakt wird vom Regen abgewaschen, er muss also regelmäßig erneuert werden (oder es muss ein Haftmittel beigegeben werden)
  • alkoholische Extrakte zersetzen sich unter UV-Einfluss, es müsste also ein UV-Blocker zugesetzt werden
  • die Zulassung durch die Biologische Bundesanstalt ist schwierig, weil dafür der Wirkstoff genau bekannt sein muss

Zu einem weiteren interessanten Detail in diesem Bericht komme ich noch mal unten bei den Rezepten.

Vorher noch kurz etwas zu den eigentlichen Wirkstoffen, die die Fraßhemmung der Schnecken auslöst. Inzwischen gibt es Berichte, dass dafür sogenannte Oxylipine verantwortlich sein sollen. Oxylipine entstehen bei der Oxidation von mehrfach ungesättigten Fettsäuren. (Aha, vergammeltes Öl hilft also gegen Schnecken?) In unverletzten Moosen kommen diese Oxylipine zwar gar nicht vor, aber sie werden gebildet, sobald die Moose verletzt werden. Siehe dazu zum Beispiel:

Interessanterweise haben Rempt und Pohnert ihre Untersuchungen übrigens nicht an Lebermoosen, sondern an Gewöhnlichem Gabelzahnmoos (Besenmoos, Dicranum scoparium) – einem Laubmoos – gemacht. Die Wirkung gegen Schnecken ist also wohl nicht auf die Lebermoose beschränkt.

Lebermoosextrakt selbst herstellen

In dem Bericht von Frahm und Kirchhoff ist genau beschrieben, wie sie die Extrakte aus dem Lebermoos Porella obtusata hergestellt haben:

Zunächst wurde das Moos gewaschen und dann getrocknet. Anschließend wurde das Moos im Mixer mit dem entsprechenden Lösungsmittel ordentlich zerkleinert. Nicht zerkleinertes Moos zeigte übrigens keine abschreckende Wirkung gegen die Schnecken.

Alkoholauszug: Zehn Gramm Moos-Trockenmasse wurden im Mixer mit 90 Gramm 70%igem Alkohol vermixt. Nach 24 Stunden wurde der Extrakt filtriert. Das Ergebnis waren 50 Milliliter konzentrierter Lebermoosextrakt. Dieser wurde mit 100 Milliliter destilliertem Wasser verdünnt. Dieser Extrakt wurde später für die Versuche zu unterschiedlichen Konzentrationen weiter verdünnt.

Wasserauszug: Der Wasserauszug entstand auf die gleiche Weise. Statt Alkohol wurde jedoch destilliertes Wasser verwendet.

Die ganz einfache Methode: In dem oben schon erwähnten Beitrag von Jan Peter Frahm in der Zeitschrift Umwelt & Gesundheit berichtet der Autor von einem weiteren Rezept. Und hier zitiere ich lieber mal wörtlich, sonst glaubt mir ja doch niemand:

“Man kann sogar Moos aus dem Rasen in einer Gießkanne über Nacht in Wasser einweichen und seinen Salat damit besprühen.”

Note to self: Ich muss meinen Vater dringend mal fragen, ob er seinen Rasen schon vertikutiert hat!

Sollte jemand praktische Erfahrungen mit dem Einsatz von kommerziellen (oder selbst gemachten) Lebermoosextrakt-Produkten gegen Schneckenfraß haben, dann würde mich brennend interessieren, wie das funktioniert hat.

Siehe auch:

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11 Kommentare zu Lebermoosextrakt gegen Schnecken?

  • Super, wie du die Infos zusammengestellt hast!

    Ich frage mich jetzt nur ganz blöd: Und wie verhindere ich jetzt, dass dann überall um meinen Salat Lebermoos wächst? Das zeug ist doch für seine hartnäckigkeit bekannt und wenn mir beim filtrieren auch nur ein paar Sporen durch die Lappen rutschen…

    Ich glaube auch nicht, dass die Moose sich von Alkohol abschrecken lassen. Treibe ich also den Teufel mit dem Belzebub aus?

    Von den praktischen Hindernissen (Regen und UV) hast du ja schon berichtet. Ein Wundermittel sieht für mich dann (leider) doch anders aus.

    • Naja, Moos wächst ja ziemlich langsam. Das fällt hier bei uns sicher der normalen mechanischen Queckenbekämpfung zum Opfer ;-)

      Die sehr genaue Beschreibung der Vorgehensweise bei den Versuchen hatte ich stark verkürzt. Es wurden parallel auch Versuche mit dem Lösungsmittel ohne Lebermoos gemacht. Dabei konnte offenbar ausgeschlossen werden, dass das Lösungsmittel (also hier der Alkohol) für die Wirkung verantwortlich war.

      An Wundermittel glaube ich natürlich auch nicht, aber mir gefällt die Vorstellung, dass ich nicht dauernd Schnecken sammeln muss ;-) Und mir leuchten einige der Erklärungsversuche für den Wirkmechanismus durchaus ein. Brunnenlebermos sieht zum Beispiel so aus als würden Schnecken es von Herzen lieben. Es wird aber nie von Schnecken gefressen. Da diese Oxylipine für die Schnecken offenbar auch nicht giftig sind, muss etwas anderes dahinter stecken. Ein Erklärungsversuch ist: Die Oxylipine locken Feinde der Schnecken an. Die Schnecken haben das im Laufe der Evolution gelernt und verdrücken sich.

  • Zum Thema Schnecken habe ich heute irgendwo gelesen, dass mulchen mit Beinwell Blättern helfen kann. Hat irgend jemand damit Erfahrungen?

    Letztes Jahr habe ich gelesen, dass Kaffeesatz helfen soll. Dann habe ich auf allen Beeten rings herum Kaffeesatz gestreut und der Schaden durch Schnecken war gering, obwohl im danebenliegenden Rasenstück massenweise Nacktschnecken waren.

    Dazu muß ich allerdings sagen, dass wir drei hohe Holz-Hochbeete haben und 4 Beete, die mit alten Klinkern / Backsteinen gemacht sind (4 Steine hoch – Steine lose aufeinandergelegt). Daher bin ich mir mit dem Kaffeesatz nicht so sicher…. Vielleicht mögen die Schnecken auch einfach nicht so gern an den rauhen alten Steinen und dem rauhen Holz hochkriechen.

  • Nochmal dazu:

    “Man kann sogar Moos aus dem Rasen in einer Gießkanne über Nacht in Wasser einweichen und seinen Salat damit besprühen.”

    Kann man denn den Salat hinterher auch unbedenklich essen? Ich sammel auch nicht gern Schnecken ein – aber auf meinen Salat will ich eigentlich auch nicht gern irgendwas draufsprühen…

    • Jo, das habe ich mich auch gefragt. Es kommt ja noch dazu, dass dieses Lebermoosextrakt auch gegen Bakterien und Pilze wirksam sein soll. Und wie man so schön sagt – es gibt keine Wirkung ohne Nebenwirkungen.

      Andererseits sind Moose aber für den Menschen durchgängig ungiftig. Offenbar gibt es zwei spezielle Baummoose, die bei empfindlichen Leuten Hautausschläge hervorrufen können (kommt selten mal bei Waldarbeitern vor). Bei anderem Moosen ist aber auch so etwas nicht bekannt.

      • Ich hoffe mal, dass die Schnecken nicht so wahnsinnig überhand nehmen und ich denke, wir werden sie wohl einsammeln. Irgendwie behagt mir der Gedanke an das Sprühen nicht.

        Wenn das Wetter allerdings so bleibt werden sich die Schleimis wohl bald in Massen einfinden. 2 ganz kleine hab ich schon direkt neben einem Hochbeet gefunden :(

  • sehr interessant! Vielen Dank für den Beitrag!
    Wie sich dann Moos über den Salat auf den Menschen auswirkt würde mich auch noch interessieren.
    Ein spannendes Thema!
    Viele Grüße von Renate

  • mercadeo internet

    Rolf: “Hallo, schleimiger Geselle. Du bereitest uns im Garten ja eine Menge Ärger. Stelle uns dich einmal vor?“ SCHNECKE: „Wenn du dich ein bisschen informiert hast, weißt du, dass es von uns 43.000 Arten gibt. Und dass man uns botanisch klangvoll „Gastropoda“ nennt. Ich bin schon etwas Besonderes, ein Einwanderer aus Spanien. Und nicht so etwas gewöhnliches wie die „Helix pomatia“, die Weinbergschnecke.“ Rolf: „Warum seid ihr überwiegend nachts unterwegs?“SCHNECKE: „Weil wir euch Gärtnern tagsüber nicht begegnen wollen. In der Dunkelheit können wir uns ungestört austoben und uns den Magen voll schlagen.“Rolf: “Wie schmecken eigentlich Dahlien-Blätter?“SCHNECKE: „Auf unsere Speisekarte stehen diese mexikanische Pflanzen ganz, ganz weit oben. Sie haben einen leicht bitteren Geschmack, aber sind für einen Schnecken-Gourmet ein absolutes Muss.“ Rolf: “Was hältst du eigentlich von ausgestreutem Schneckenkorn?“SCHNECKE: „Das ist eine teuflische Sache von euch. Wieviele meiner Freunde habe ich davor schon gewarnt. Vergeblich. Sie sollen in Frieden ruhen. Die wirklichen Schnecken-Profis wie ich wittern das Schneckenkorn schon von weitem und weichen ihm elegant aus.“ Rolf: „Und Fichtennadel-Sud, Bierfallen, Sägespäne, Kaffeepulver, Salz?“SCHNECKE: „Lachpillen. Darüber amüsieren wir uns nur bei unserem wöchentlichen Schnecken-Treff.“Rolf: “Du bist ja eine ganz abgezockte Schnecke. Vor welchem Mittel hast du überhaupt Respekt?“SCHNECKE: „Da hat sich ein Professor Dr. Jan-Peter Frahm vom Botanischen Institut der Universität Bonn etwas neues einfallen lassen: Man soll Pflanzen mit einer Lösung von Wasser und Lebermoos-Extrakt einsprühen. Igittigitt, da gehe selbst ich nicht ran.“Vielen Dank für das Interview, SCHNECKE!

    • Anna

      Den Beitrag lese ich erst jetzt – nach gut über zwei Jahren!
      Also echt super das “Interview” mit der Schnecke!
      Nicht nur lustig, evtl. auch nützlich.
      Und dabei könnten einem die Schnecken geradezu sympathisch werden…

  • Sebas

    Welche Erfahrungen habt ihr denn nun mit dem Lebermoosextrat gemacht???
    Lg
    SEbas

    • Leider wurde der Alkohol vor Versuchsbeginn immer schon von Freunden und Bekannten vertilgt ;-)

      Wir haben zwar schon Versuche mit einer wässrigen Lösung aus Lebermoos gemacht. Das Ergebnis reicht aber leider nicht für eine eindeutige Aussage über die Wirkung gegen Schnecken. Für den alkoholischen Auszug war uns der Alkohol einfach zu schade (s.o.)

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