Panorama - Die Reporter: Geheimsache Bio - was die Ökobranche verschweigt

Leider konnten wir die Sendung “Panorama – Die Reporter” am vergangenen Mittwoch nicht verfolgen, weil sie doch etwas spät am Abend lief. Dank modernster digitaler Aufzeichnungstechnik haben wir sie uns dann aber gestern Abend nachträglich ansehen können. Einige Male bin ich ob der sehr verkürzten Darstellung der Sachverhalte zwar innerlich an die Decke gesprungen, teilweise empfand ich den Zusammenschnitt der Interviews reichlich unfair, aber im Großen und Ganzen gefiel mir die Sendung ziemlich gut.

Ich habe hier ja schon des Öfteren meine Kritik am Zustand der Biobranche geäußert. Um das Folgende in den richtigen Zusammenhang zu stellen, aber kurz der Hinweis, dass wir uns überwiegend (aber nicht ausschließlich) “biologisch” ernähren und dass wir der biologischen Wirtschaftsweise im Prinzip sehr positiv gegenüber stehen. Im Garten setzen wir keine chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel ein und ich vermute wir hätten beste Chancen mit unserer Wirtschaftsweise von den größeren Ökoverbänden (außer vielleicht von Demeter) anerkannt zu werden.

Gut, in der Sendung “Geheimsache Bio – was die Ökobranche verschweigt” ging es mehr oder weniger darum, dass uns von der “Biobranche” wichtige Informationen zur Produktion ihrer Lebensmittel vorenthalten werden. Die Reporter machen das vor allem an zwei Thesen fest:

  1. In der biologischen Landwirtschaft gibt es “Massentierhaltung”.
  2. In der biologischen Landwirtschaft werden Pestizide eingesetzt.

Ich würde Punkt eins zwar vor Allem auf die Gefügelhaltung einschränken wollen, da stimme ich dann aber durchaus zu. Es hilft auch wenig, wenn man darauf verweist, dass das in der konventionellen Landwirtschaft ja alles noch viel schlimmer ist.

Punkt zwei wurde in der Sendung zwar ausführlich behandelt, leider kam es da aber zu wilden Vermischungen der Begriffe Pestizid, Pflanzenschutzmittel, chemisch-synthetisches Pflanzenschutzmittel usw.

Ein Pestizid ist ein Mittel, das schädliche Lebewesen (Pilze, Bakterien, Pflanzen, Tiere) hemmt, vertreibt oder tötet. Das kann zum Beispiel eine Schachtelhalmbrühe gegen pilzliche Erreger oder eine Rainfarnbrühe gegen Milben und Läuse oder E605 und DDT gegen Insekten sein. Ich persönlich halte den Einsatz der beiden erstgenannten Pestizide für völlig unbedenklich, während die beiden letztgenannten Pestizide allgemein als höchst bedenklich gelten (weshalb sie in Deutschland auch längst verboten sind).

In der breiteren Öffentlichkeit wird der Begriff Pestizid nun aber gerne mit chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln in Verbindung gebracht. Die Meldung “In der biologischen Landwirtschaft werden Pestizide eingesetzt” kommt da schnell rüber wie “Bio-Lebensmittel sind doch genauso belastet wie konventionelle Lebensmittel”. Ich hatte etwas das Gefühl, dass dieser Trugschluss in der Sendung nicht ganz unbeabsichtigt war.

Ein Argument der Reporter lässt sich nicht so ganz problemlos aus der Wert schaffen: In der Biolandwirtschaft werden zum Teil Kupferpräperate gegen pilzliche Erreger eingesetzt.

Zunächst einmal ist Kupfer bei den meisten Mehrzellern ein lebensnotwendiges Spurenelement. Es ist Bestandteil wichtiger Enzyme ohne die wir nicht überleben könnten. Überdosierungen sind beim Menschen relativ unproblematisch. Auf der anderen Seite wirkt Kupfer auf viele Mikroorganismen stark toxisch. Diese Eigenschaft machen wir uns zum Beispiel mit Kupferleitungen für Trinkwasser oder auch mit dem Pfennig im Blumenwasser zunutze. In der biologischen Landwirtschaft sind Kupferpräperate in einigen Kulturen (Wein, Obst, Kartoffeln) zur Bekämpfung von Pilzkrankeiten zugelassen.

Obwohl die Aufwandmengen im biologischen Anbau in den vergangenen Jahren stark reduziert werden konnten, wird befürchtet, dass sich dieses Kupfer mit der Zeit im Boden anreichern könnte. Dieses würde wiederum zu einer negativen Beeinflussung der Bodenorganismen und ggf. auch der Organismen in angrenzenden Gewässern führen.

Die Aufwandmengen an kupferhaltigen Pflanzenschutz- und Düngemitteln sind im konventionellen Landbau zwar zum Teil exorbitant höher als im biologischen Anbau, trotzdem halte ich es auch für nötig, dass nach Alternativen zu diesen Präperaten geforscht wird. Eine (meiner Meinung nach recht vage) Hoffnung wird von den Verbänden darin gesehen, die Kupfermengen durch technische und züchterische Maßnahmen so weit zu verringern, dass die Pflanzen sie durch ihren Nährstoffentzug kompensieren können.

Übrigens hätte ich gerne etwas von Bioland – unserem bevorzugten Öko-Verband – darüber erfahren, warum sie sich weigern, an der Neptun-Studie des Julius Kühn-Instituts teilzunehmen. Da aber gerade erst vor ein paar Wochen eine meiner Fragen an die Pressestelle von Bioland unbeantwortet blieb, habe ich mal darauf verzichtet dort schon wieder anzufragen. Ich habe beschlossen, dass ich da bockig bleibe, solange die sich Bloggern gegenüber bockig zeigen. Allerdings kann man den Erzeuger-Verbänden nicht vorwerfen, sie wollten das Problem mit ihren Kupferpräperaten totschweigen. In Anhang gibt es dazu ein paar Links zu entsprechenden Mitteilungen der größeren Verbände.

Weblinks:

3 Kommentare zu Panorama – Die Reporter: Geheimsache Bio – was die Ökobranche verschweigt

  • Noch kurz etwas zu einer Unstimmigkeit auf die Jochen Rupp in einem Kommentar im Panorama-Blog hinweist. Rudolf Behr, Deutschlands größter Salatanbauer (ich vermute es handelt sich um diesen Rudolf Behr) erwähnt in seinem Interview, dass er den Falschen Mehltau an Salat bzw. Chinakohl mit Kupfer behandelt. Soweit ich die Datenbank des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit verstehe, sind Kupferpräparate gegen Falschen Mehltau in Salat und Chinakohl aber gar nicht zugelassen. Ich hoffe doch sehr, dass sich Herr Behr da nur versprochen hat!

  • Derzeit bin ich mir noch nicht so sicher, ob der Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmittel nun das größte Problem der heutigen Zeit ist – jeder der schon einmal Gemüse angebaut hat, kennt sicher die damit verbundenen Probleme.

    Für mich ist die “Massenpflanzenhaltung” das größte Problem. Einmal eine Tomate zu finden die mehr als die Ahnung eines Eigengeschmacks hat ist ebenso ein Glücksfall wie Weintrauben zu finden die anstatt bitter, zäh und fest zuckersüß und saftig sind. Der heutige Pfirsich ist eher mehlig und die Zwiebeln zu mindestens 20% verdorben bevor Sie zu Hause sind.

    Diese Problematik hat auch Bio nicht in den Griff bekommen, weil bis auf die Reduzierung gewisser Schadstoffe (im besten Fall) keinerlei umdenken hinsichtlich des Anbaus eingestellt hat.

    Ich könnte mich jedesmal aufregen wenn ich am Gemüse oder Obststand etwas einkaufe und zuhause merke, dass ich zig Euro für die Tonne ausgegeben habe. Da macht es keinen Unterschied ob biologisch angebaut oder nicht – was wir hier in Deutschland angeboten bekommen ist zum größten Teil nur noch Mist und da hat und wird das Biosiegel auch nichts dran ändern.

  • Hi Sven,

    also da muss ich doch mal Widerspruch einlegen. Du Schreibst:

    > weil bis auf die Reduzierung gewisser Schadstoffe (im besten Fall)
    > keinerlei umdenken hinsichtlich des Anbaus eingestellt hat.

    Das Gegenteil ist der Fall! Ohne ein konsequentes Umdenken hinsichtlich des Anbaus kann man einen landwirtschaftlichen Betrieb schlechtweg nicht von konventioneller Wirtschaftsweise auf biologische Wirtschaftsweise umstellen.

    Ich weiß, dass dieses Diskussion so endlos ist wie die Geschichte mit dem Huhn und dem Ei. Aber man kann das Argument der Bauern (sowohl konventionelle als auch biologische) nicht so ohne weiteres von der Hand weisen. Sie sagen nämlich: “Wieso, wir müssen unsere Kinder ernähren, also bauen wir das an, was der Verbraucher von uns haben will.”

    Nehmen wir das Kupfer-Beispiel aus der Panorama-Sendung: Natürlich sehen ungespritzte Äpfel keineswegs so verschorft aus, wie sie der “Experte” dümmlicherweise in die Kamera hält. Im Gegenteil, einen derartig verschorften Apfel habe ich in unserem Garten noch nicht gesehen. Und es gibt sogar Apfelsorten die schorfresistent sind (z.B. Topaz). Nur leider neigen Verbraucher dazu, einen Apfel im Geschäft liegen zu lassen, wenn er eine kleine unregelmäßige Stelle hat. Er kauft sich lieber einen Apfel, der für den Bioanbau eigentlich ungeeignet ist und deshalb mit Kupfer gespritzt werden muss.

    Mit der “Massenpflanzenhaltung” verhält es sich ganz genau so. Viele viele ökologisch wirtschaftende Bauern arbeiten genau so, wie Du es dir vorstellst. Leider findet man deren Produkte aber nicht in den Bio-Auslagen von Aldi und Lidl. Dort sind eher Produkte aus der biologischen “Massenpflanzenhaltung” à la Behr-Gruppe zu finden. Aus verständlichen Gründen kann ein “normaler” Bauer mit deren Kampfpreisen einfach nicht mithalten.

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